Die Faultier-Methode™ – Wie mein Krafttier meinen Schreibprozess für immer verändert hat
Als Geschichtenmalerin lebe ich in zwei Welten gleichzeitig. In der einen halte ich eine Airbrush-Pistole in der Hand und male Bilder, die Geschichten erzählen. In der anderen sitze ich vor einem leeren Dokument und versuche, Geschichten zu schreiben, die Bilder erzeugen. Beides ist kreativ. Beides macht mir Freude. Und beides hat mich zeitweise in den Wahnsinn getrieben.
Denn während das Airbrush-Malen mir irgendwann in Fleisch und Blut übergegangen ist, hatte ich mit dem Schreiben – und hier spreche ich konkret von meinem Urban-Fantasy-Roman – immer wieder zu kämpfen. Nicht mit der Geschichte an sich. Die lebt in mir, sie will erzählt werden, sie hat Figuren, die in meinem Kopf manchmal lauter sind als meine eigene Stimme.
Das Problem war: das Hinsetzen. Das Anfangen. Der Moment zwischen „Ich will schreiben“ und „Ich schreibe gerade tatsächlich“.
Ich habe alles versucht. Schreibpläne. Timer. Die Pomodoro-Technik (ich bin in der ersten Pause eingeschlafen, das war immerhin ein Zeichen). Ich habe mir To-do-Listen geschrieben, To-want-Listen, To-dream-Listen. Ich habe meinen Schreibtisch aufgeräumt, neu dekoriert und umgestellt. Ich habe Cappuccino gekocht – groß, mit drei Stück Süßstoff, weil er so besser schmeckt. Und wer mich kennt, weiß, dass das bei mir ein ernstes Mittel ist. Manchmal half es. Meistens nicht.
Und dann, an einem grauen Januarmorgen, hat mein Faultier das Wort ergriffen.
Das Faultier meldet sich zu Wort
Mein Seelen- und Krafttier hängt schon lange in meinem inneren Baum. Es ist gemütlich, es ist weise auf eine Art, die sich nicht aufdrängt, und es hat eine Gabe, die ich lange unterschätzt habe: Es sieht genau, wann ich gegen meine eigene Natur kämpfe.
An jenem Januarmorgen hing ich also wieder einmal vor meinem Dokument – Kapitel sieben, zweiter Anlauf, dritter Cappuccino – und spürte dieses vertraute innere Zupfen. Das Faultier. Es blinzelte mich an, langsam und bedächtig, und teilte mir auf seine stille Weise mit:
Ich wollte widersprechen. Ich saß doch. Ich war doch schon länger still, als irgendein Produktivitätsguru empfehlen würde.
Aber dann wurde mir klar: Innerlich rannte ich. Ich hetzte durch Plot-Überlegungen, sprintete durch Charaktermotivationen, stolperte über Szenenübergänge. Mein Kopf war ein Hamsterrad, verkleidet als Schreibsession.
Das Faultier gähnte ausgiebig – und plötzlich hatte ich eine Idee.
Die Faultier-Methode™: Was steckt dahinter?
Die Faultier-Methode™ ist kein ausgeklügeltes System. Sie hat keine App. Sie braucht kein Notizbuch im Sonderformat und keine teuren Kurse. Sie braucht nur eines: die Bereitschaft, langsamer zu werden, als man es für möglich hält.
Sie besteht aus vier Phasen, die ich euch hier vorstelle – und bitte: Nehmt sie ernst. Ich meine das vollkommen ernst.
Phase 1: Das Hängen
Das Hängen ist die wichtigste Phase und die am meisten unterschätzte. Faultiere hängen nicht, weil sie faul sind. Sie hängen, weil Hängen ihre Art ist, Energie zu sparen, die Welt zu beobachten und sich zu regenerieren. Was von außen nach Nichtstun aussieht, ist in Wirklichkeit intensives Dasein.
Für die Faultier-Methode™ bedeutet das: Bevor du schreibst, hängst du. Du setzt dich hin, du öffnest kein Dokument, du machst dir einen großen Cappuccino – mit drei Stück Süßstoff, versteht sich – und du lässt die Geschichte einfach in dir sein. Nicht denken. Nicht planen. Nur: sein.
Das Faultier akzeptiert den Cappuccino übrigens ohne Diskussion. Die Süße, sagt es, ist unverzichtbar.
Dauer: mindestens 20 Minuten. Gerne länger.
Mein Faultier hat für diese Phase keine Kompromissbereitschaft.
Phase 2: Die Kontemplation
Nach dem Hängen kommt die Kontemplation. Du darfst jetzt nachdenken – aber nur mit dem Kopf, nicht mit den Fingern. Das Dokument bleibt zu. Du lässt Bilder, Szenen, Sätze durch dich hindurchfließen wie Wolken über den Himmel. Du jagst sie nicht. Du hältst sie nicht fest. Du schaust ihnen nur zu.
Manchmal bleibt etwas hängen. Ein Satz. Ein Bild. Der Tonfall einer Figur. Das ist gut. Das ist das Faultier, das dir etwas zeigt.
Dauer: so lange, wie es sich richtig anfühlt. Das Faultier weiß, wann die Zeit reif ist.
Phase 3: Der Einzelgriff
Jetzt – und erst jetzt – öffnest du das Dokument. Und du schreibst einen Satz. Genau einen. Dann legst du die Hände in den Schoß und liest ihn. Fühlt er sich richtig an? Wunderbar. Dann ist Phase 3 abgeschlossen.
Wartet, wartet. Ich höre euren Einwand. Einen Satz? Das kann doch nicht sein. Das bringt doch nichts.
Oh, aber es bringt. Denn dieser eine Satz ist nicht irgendein Satz. Er ist der Satz, der nach dem Hängen und der Kontemplation entstanden ist. Er ist ruhig. Er ist klar. Er trägt das ganze Gewicht der Geschichte in sich.
Und – das ist das Geheimnis – er zieht fast immer einen zweiten Satz nach sich. Und einen dritten. Nicht immer. Manchmal wirklich nur einen. Aber der eine Satz ist besser als die siebzehn gehetzten Sätze, die ich früher in einem Pomodoro-Intervall produziert habe und die ich am nächsten Tag wieder gelöscht habe.
Phase 4: Der Regenerationsschlaf
Ich weiß, was ihr denkt. Aber ich sage es trotzdem: Der Regenerationsschlaf ist keine optionale Bonus-Phase. Er ist integraler Bestandteil der Methode.
Faultiere schlafen bis zu 20 Stunden am Tag. Nicht weil sie träge sind, sondern weil ihr Körper und ihr Geist im Schlaf arbeiten – langsam, gründlich, ohne Ablenkung. Was tagsüber als Einzelgriff begonnen wurde, reift im Schlaf weiter.
Als ich anfing, nach meinen Schreibsessions tatsächlich eine kurze Ruhepause einzulegen – Augen zu, Gedanken los, Faultier nickt zustimmend –, stellte ich fest: Am nächsten Tag wusste ich, wie die Szene weitergeht. Nicht, weil ich darüber nachgedacht hatte. Weil ich nicht darüber nachgedacht hatte.
Das Faultier hat das von Anfang an gewusst.
Das kleine Problem mit den Actionszenen
Ich wäre keine ehrliche Geschichtenmalerin, wenn ich verschweigen würde, dass die Faultier-Methode™ nicht ganz ohne Reibung funktioniert.
Mein Roman hat Figuren. Manche davon sind… nun ja… das genaue Gegenteil meines Krafttieres. Eine meiner Protagonistinnen zum Beispiel ist die Art Mensch, die in drei Richtungen gleichzeitig rennt, bevor sie überhaupt entschieden hat, wohin. Sie ist impulsiv, laut und herrlich chaotisch. Ich liebe sie dafür.
Das Faultier liebt sie weniger.
Es gibt Szenen – Verfolgungsjagden, Konfrontationen, Momente, in denen fünf Dinge gleichzeitig passieren –, bei denen ich spüre, wie mein inneres Faultier die Augen schließt und sich fester an seinen Ast klammert. Es verweigert förmlich die Zusammenarbeit. Wenn ich trotzdem versuche, diese Szenen nach der Methode zu schreiben, kommt dabei etwas heraus, das klingt, als würde jemand eine Actionszene in Zeitlupe beschreiben. Was an sich manchmal gar nicht schlecht ist – aber eben nicht immer passt.
Meine Lösung: Für diese Szenen gibt es eine Ausnahmeregelung. Ich nenne sie den Koala-Kompromiss (auch wenn Koalas streng genommen keine Faultiere sind, schlafen sie fast genauso viel und werden vom Faultier als entfernte Verwandte akzeptiert). Sprich: Bei Hochenergie-Szenen bekomme ich 15 Minuten schnelles, ungefiltertes Drauflosschreiben. Danach: Hängen. Kontemplation. Einzelgriff. Regeneration.
Das Faultier toleriert das. Meistens.
Was hat die Faultier-Methode™ gebracht?
Mein Roman ist noch nicht fertig. Das sage ich ganz offen, denn ich bin eine ehrliche Geschichtenmalerin. Aber er ist lebendiger als je zuvor. Die Sätze, die nach dem Hängen entstehen, klingen anders als die Sätze, die ich früher in produktiver Hektik produziert habe. Sie atmen. Sie haben Raum.
Und ich – ich habe aufgehört, gegen mein eigenes Tempo zu kämpfen. Gegen das Tempo, das in mir angelegt ist, das mein Krafttier mir seit Jahren zu zeigen versucht.
Vielleicht ist die Faultier-Methode™ nicht für jeden. Vielleicht gibt es Menschen, die in Hochgeschwindigkeit ihre besten Geschichten schreiben. Ich bin nicht dieser Mensch. Ich bin die Geschichtenmalerin, die jetzt weiß: Manchmal ist das Hängen die produktivste Sache, die man tun kann.
Das Faultier schläft gerade. Aber es nickt im Schlaf.
Habt ihr ein Krafttier, das euren kreativen Alltag beeinflusst? Und wie sieht eure Schreibroutine aus – eher Sprint oder eher Hängen? Ich bin gespannt auf eure Antworten.
Update vom 2. April: Geständnis einer Geschichtenmalerin 🦥
Also gut. Ich gestehe.
Die Faultier-Methode™ ist ein April-Scherz. Es gibt keine vier Phasen. Es gibt keinen Koala-Kompromiss. Und mein Faultier hat mir keine Methode überreicht – es hängt nach wie vor gemütlich in seinem inneren Baum und interessiert sich herzlich wenig für Produktivitätssysteme.
Herzlichen Glückwunsch an alle, die es sofort durchschaut haben – ihr seid offensichtlich viel zu wach für einen Aprilscherz. Und an alle, die kurz überlegt haben, ob da vielleicht doch was dran ist: Ich verstehe euch vollkommen. Ich hätte es mir selbst fast geglaubt.
Eines ist allerdings absolut wahr: Das Faultier ist wirklich mein Seelen- und Krafttier. Der Cappuccino mit drei Stück Süßstoff existiert ebenfalls. Und dass meine Protagonistin meinem inneren Faultier manchmal etwas zu viel ist – das, liebe Leute, ist keine Erfindung.
In diesem Sinne: Bleibt kreativ, bleibt neugierig – und misstraut mir am 1. April grundsätzlich. 😄

Was ist das denn für ein süßes Faultier bitte… Zucker 💖
Danke schön, liebe Christine.
Ich werde das Kompliment gerne an Slwoly weitergeben. 😉🥰 Er wird sich riesig darüber freuen und einen winzigen Augenblick länger an seinem Ast schaukeln als üblich.
Herzliche Grüße
Heike 🙋♀️
Haaaach, jaaaaaa … dein Artikel holt mich total ab. Schon der Titel hat mich einfach angesprochen. Dein Blog ist wirklich wohltuend. Viel Freude weiterhin.
Oh, das freut mich so sehr, liebe Sandra! Wenn ein Titel schon das Richtige trifft, dann ist das für mich als Geschichtenmalerin das größte Kompliment. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, das zu schreiben – solche Worte machen den Schreibtisch gleich ein bisschen wärmer. Das Faultier nickt übrigens zustimmend. 🦥 Ich wünsche dir ganz viel Freude beim Stöbern!
Bunte Grüße von der Nordsee 🌊🙋♀️