Hüter der Träume: Episode 1 – Bittere Erinnerung – Teil 1
INTRO: Was bisher geschah
Er heißt Elwyn und ist ein junger, talentierter Traumhüter aus Thalorien. Am Ufer des Traumquells spürte sein Seelentier Arion eine drohende Gefahr. Ein Alb war entkommen – und seine Spur führte in die Menschenwelt.
Elwyn und Arion folgten der Spur bis zu einem Jahrmarkt in einer Kleinstadt. Während sie noch im Portal standen – zwischen den Welten, wo sie unerkannt die Menschen beobachten konnten – starrte eine junge Frau Elwyn an. Hatte sie ihn tatsächlich gesehen? Sie konnten sie nicht fragen, .da sie ohnmächtig zu Boden fiel. Elwyn und Arion eilten ihr zu Hilfe und trugen sie in ihre Wohnung.
Was keiner ahnt: Etwas Düsteres ist längst erwacht – und es will das, was in ihr steckt.
In Maras Wohnung
Bis in ihre Wohnung hatte ich sie getragen. So vorsichtig, wie ich nur konnte. Drei Stockwerke hoch. Dass ihr Kopf einmal gegen die Wand stieß, war nicht meine Schuld. Wäre Arion nicht an mir vorbeigeschossen, um dann wie ein Fels vor meinen Füßen stehen zu bleiben, wäre das nie passiert. Und so schlimm war es auch nicht. Eine kleine Beule, höchstens Kopfschmerzen, wenn sie aufwachte.
Ihr Duft nach Vanille mit einem Hauch Veilchen hing in meiner Nase. Süß, warm und weich. Es war ein milder, friedlicher Geruch, der nicht in diese Welt aus Glas, Metall und Lärm passte. Hier roch alles nach Abgasen und fremdem Leben. Ich fühlte mich darin immer fehl am Platz. Aber in ihrer Wohnung war es anders. Ruhiger. Wärmer. Selbst das stetige leise Prasseln der Regentropfen gegen die Fenster hatte etwas beruhigendes an sich.
Jetzt lag sie auf ihrem Bett, unter der zerknitterten Decke, als würde sie einfach schlafen. Aber die unnatürliche Blässe in ihrem Gesicht verriet mir mehr. Die Unruhe unter ihren Lidern. Ich hockte in der dunklen Ecke ihres Schlafzimmers. Arion lag neben dem Bett, die türkisfarbenen Augen glommen schwach im Halbdunkel. Meine eigenen leuchteten wohl genauso – ein Grund mehr, die Kapuze tief ins Gesicht zu ziehen.
Was war nur eben passiert? Hatte sie mich tatsächlich sehen können? Und was hatte sie bloß so verschreckt? War ich das etwa? Aber ich hatte doch gar nichts getan?
»Hör endlich mit dem grübeln auf, El«, knurrte Arion in meine Gedanken hinein. »Warte einfach, bis sie wach ist, und dann frag sie.«
»Na klar. Sie erwacht in ihrem Bett, sieht einen riesigen Hund und in der Ecke einen Typen im Hoodie mit der Kapuze über dem Gesicht. Die wird sich richtig freuen.«
»Mach dich nicht verrückt. Du weißt nicht, was kommt. Also halt still und vertrau mir.«
»Und wann soll ich mir Sorgen machen? Wenn sie die ganze Straße zusammen schreit oder panikartig aus dem Haus läuft?«
»So weit wird es nicht kommen. Bleib ruhig und warte ab.«
Leichter gesagt als getan. Der Stuhl unter mir fühlte sich an, als würde er brennen. Meine Beine wippten unruhig. Ich wollte aufstehen, laufen, irgendetwas tun. Aber sie konnte jeden Moment die Augen aufschlagen. Und ich wollte, dass sie sich langsam an unsere Anwesenheit gewöhnte.
»Bleib ruhig, Elwyn. Du siehst aus, als würdest du auch gleich den Löffel abgeben und umkippen. Und wenn sie dann aufwacht. Wie soll ich ihr das erklären, ohne mit ihr zu reden?«
Der leichte Spott in Arions Stimme war nicht zu überhören. Ich verzog den Mund, gab aber keine Antwort. Arion spürte meine Empfindungen ohnehin so, als wären es seine Eigenen. Genauso, wie ich seine Ruhe und Ausgeglichenheit wahrnehmen konnte.
Dann regte sie sich. Ein kaum hörbares Seufzen, ein Zucken der Finger. Ihr Puls beschleunigte sich – ich hörte ihn, registrierte ihn, so wie jeder Hüter es kann. Langsam schlug sie die Augen auf. Ihr erster Blick galt Arion. Sie starrte ihn an, erst irritiert, dann misstrauisch. Und dann… war er da. Der Schreck. Ihre Pupillen weiteten sich, sie stützte sich hastig auf den Ellbogen, wich zurück, so weit das Bett es zuließ.
Ein Kapuzenmann, ein Wolf und Emotionszauberei
„Was… was soll das?“ Ihre Stimme klang rau, noch belegt vom Schlaf, aber voller Panik. „Warum ist da ein Wolf? In meiner Wohnung?“ Hektisch blickte sie sich um. Arion hob nur gemächlich seinen großen Kopf, gähnte demonstrativ, schleckte sich über die Schnauze und legte den Kopf auf das Bett. Und dann schaute er ihr mit großen Augen und einem wirklich treuen Hundeblick gerade ins Gesicht. Ich schüttelte leicht den Kopf. Das konnte doch jetzt nicht wahr sein.
»Du alter Charmeur«, flüsterte ich genervt in Arions Gedanken, »hör auf Herzchenaugen zu machen.«
Laut sagte ich ruhig: »Er tut dir nichts.« Ich blieb, wo ich war. Noch.
»Er gehört nicht hierher!« Ihre Stimme bebte. »Wer… wer sind Sie?«
Ich spürte ihre Verwirrung und ihre Angst, die sich hochschob. Nicht mehr lange und sie würde explodieren. Dann traf ihr Blick mich. Ich wusste, was sie sah: eine Gestalt im Schatten, groß, unbeweglich, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. In ihrer Welt bedeutete das Gefahr.
Langsam erhob ich mich und trat ins Licht. Hände leicht erhoben, Handflächen nach außen. Ihre Schultern spannten sich, ihre Hände krallten sich in die Bettdecke. Sie wollte schreien – das konnte ich sehen. Doch dann … ein kaum merklicher Wechsel. Die Panik löste sich. Wie ein Griff, der lockerer wurde.
Arion. Ich spürte, wie er die Emotionen glättete, wie er Wärme in sie pflanzte. Nicht genug, um das Misstrauen zu löschen, aber genug, damit sie nicht floh.
„Was…?“ Ihre Stimme war heiser, wie ein Kratzen aus trockener Kehle. „Was ist das?“
Sie deutete auf den Wolf – oder das, was sie für einen Wolf hielt. Und sie duftete nach Vanille und einem Hauch Veilchen.
„Ruhig“, sagte ich leise. „Es ist alles in Ordnung. Er tut dir nichts.“
Sie sah mich an. Oder das, was von mir zu sehen war – Schatten, Kapuze, ein Stück Kieferlinie im Dämmerlicht. Unter ihrem Vanille-Veilchenduft mischte sich eine große Portion Angst. Dann wanderte ihr Blick wieder zu Arion. Seine Rute schlug einmal sacht gegen den Boden. Vanille mit einem Hauch Veilchen. Der Angstgeruch ließ nach.
»Gefällt mir«, Arions Stimme in meinem Kopf klang amüsiert, »sie vertraut mir mehr als dir. Du solltest an deinem Auftreten arbeiten, Elwyn. Vielleicht ein Lächeln? Oder weniger Gruftimode?«
»In Ordnung?« Sie lachte trocken und abgehackt. »Ich wache auf, und da sitzt…«, – ihr Blick glitt zu Arion – »…ein verdammter Riesenhund an meinem Bett. Und in der Ecke ein Typ, der aussieht wie aus einem schlechten Horrorfilm.«
Arion gähnte wieder demonstrativ. Die Spannung sank wieder ein Stück, kaum merklich. Aber ich spürte es. Ganz sachte, als würde er eine warme Decke um sie legen. Sie selbst merkte es nicht – nur dass ihr Herz nicht mehr so raste wie eben.
»Wer bist du?«, fauchte sie plötzlich und wendete sich mir zu. »Und was willst du in meiner Wohnung?«
Ihre Hände zitterten, aber sie ballte sie zu Fäusten. Mutig, dachte ich. Sie wollte ihre Angst nicht zeigen. Das imponierte mir.
»Ich helfe dir«, sagte ich schlicht.
»Oh, sicher«, konterte sie scharf. »Deshalb schleppst du mich auch ohnmächtig in mein Bett? Klingt total nach Hilfe.« Ein nervöses Lächeln huschte über ihre Lippen, das mehr nach Trotz als nach Humor aussah.
»Sie hat Feuer«, kommentierte Arion. »Ich mag sie.«
»Halt die Klappe«, fuhr ich ihn in Gedanken an.
Erkennen und Schrecken
»Setz die Kapuze ab«, befahl sie plötzlich. Kein Zittern mehr in der Stimme. Nur diese Härte, die mich zwang, zu gehorchen. Ich zögerte. Dann schob ich langsam die Kapuze zurück. Ihre Augen weiteten sich.
Stille.
Dieser Blick – pure Furcht. Menschen, die Alben begegnet waren, hatten diesen Blick. Doch dann wandelte sich etwas. Wiedererkennen? Unmöglich. Sie konnte mich nicht kennen. Und trotzdem. Sie hatte mich oder meinesgleichen noch nie gesehen. Oder …?
»Du…«, flüsterte sie. Und zog die Decke enger um sich, als wollte sie darin verschwinden. »Du warst in meinem Traum. Damals.« Sie legte ihren Kopf schief und musterte mich scharf.
Arion hob alarmiert den Kopf, seine Ohren stellten sich auf. Unsere Blicke trafen sich.
»Nicht gut«, kamen Arions Worte hart in meinem Kopf.
»Nein!«, stimmte ich zu. »Gar nicht gut.«
Arion beugte den Kopf, als würde er dösen, doch seine Gedanken schossen durch meinen Kopf wie scharfe Pfeile. »Kaelen. Es konnte nur Kaelen sein. Gab es da nicht mal was vor längerer Zeit?«
Ich gab keine Antwort. Ein unbehaglicher Schauer einer Vorahnung jagte mir eiskalt den Rücken hinunter.
»Wer … was… bist du?« Ihre Stimme war jetzt leiser, wie ein Hauch. »Und warum… warum siehst du aus, wie er aussah?«
»Wen meinst du?«, fragte ich Mara. Ich hielt meine Stimme ruhig. Doch in meinem Nacken prickelte es.
„Den… in meinem Traum.“ Ihre Stimme brach fast. „Der, der…“ Sie stockte. Ein dunkler Schatten glitt über ihre Augen.
»Mara.« Ich trat näher, ließ das Licht meiner Augen sie erreichen. »Ich war nicht in deinem Traum. Ich bin hier, um zu verhindern, dass er zurückkommt.« Behutsam legte ich eine Hand auf ihre Schulter.
Ihre Lippen pressten sich zusammen. Unwirsch schüttelte sie meine Hand ab. Ich sah, wie sie die Worte runterschluckte, die ihr schon auf der Zunge lagen. Dann, fast unhörbar flüsterte sie: »Du bist zu spät. Er ist schon zurückgekommen und hat mir alles genommen.« Zum Schluss brach ihre Stimme tatsächlich. Und mir blutete das Herz, als ich sie so hilflos da in ihrem Bett sitzen sah. In ihre Decke gewickelt. Die Knie ganz nah an sich herangezogen. Mit einer erschreckend düsteren Leere im Blick. Ganz in sich versunken.
»Steh da nicht rum, wie ein begossener Pudel. Tu etwas«, knurrte Arion mich in meinem Kopf an.
»Was denn, du Schlaumeier?«, fauchte ich zurück. »Du bist doch der Emotionszauberer.«
Arion warf mir einen scharfen Blick zu und rollte die Augen nach oben. Dann robbte er sich vorsichtig, Zentimeter für Zentimeter an Mara heran. Unwillkürlich streckte sie eine Hand aus und vergrub sie in Arions dichtem Fell.
Ich räusperte mich unbehaglich. »Ähm, ich schau mal, ob es hier Tee oder so was gibt.«
In der kleinen Küche suchte ich nach allem, was brauchbar war. Hinter mir fühlte ich, wie Arion weiter wirkte. Vorsichtig.
»Und der Hund?«, fragte Mara schließlich, »gehört der auch zu deinem Heldengehabe?«
Arion schnaubte belustigt.
»Ja«, grummelte ich nur. »Er gehört zu mir. Ich bin Elwyn. Und das«, ich zeigte auf Arion, »ist Arion.«
Sie schaute von Arion zu mir rüber, während ich ihr die Tasse mit dem heißen Tee auf den Nachttisch stellte. Ihr Blick war voller Fragen aber auch voll Angst und Misstrauen. Und wer könnte es ihr verdenken?
»Wir vergeuden Zeit, Arion. Wir müssen ihr alles erzählen. Wer wir sind. Was wir machen. Was wir vermuten. Sie muss es wissen!«, versuchte ich Arion meinen Standpunkt klar zu machen.
»Und was dann?«, Arions Tonfall war glatt, fast spöttisch. »Willst du sie mit der ganzen Wahrheit völlig überfordern? Ich halte sie gerade so stabil wie möglich. Und wir kennen ihren Teil der Geschichte noch gar nicht. Warten wir ab.«
»Sie hat ein Recht …«
»Sie hat Angst, El. Sieh sie dir an. Da ist eine Barriere in ihrer Erinnerung. Rede mit ihr. Ich versuche in der Zwischenzeit durchzudringen.«
Als hätte Mara die Spannung im Raum aufgesogen, flackerte ihr Blick zwischen Arion und mir hin und her. »Oh, perfekt«, fauchte sie. »Jetzt starrt ihr euch an, als würdet ihr … was? Telepathisch miteinander quatschen? Soll ich euch vielleicht allein lassen?«
Die Schärfe in ihrer Stimme schnitt wie ein frisch geschliffenes Messer, doch der verkrampfte Griff um die Bettdecke verriet, wie sehr ihre Hände zitterten.
»Niemand will dir etwas tun, Mara«, sagte ich ruhig, so sanft, wie es mir möglich war. Ich spürte, wie sich ihre Anspannung für einen Augenblick löste.
Arion legte seinen Kopf sachte auf ihren Bauch, als wäre sie ein verletztes Tier, und sah sie mit großen, treuherzigen Augen an.
»Mara, hör mir zu«, begann ich leise. »Du bist nicht allein, okay? Wir sind hier, um dich zu schützen.«
»Schützen?« Ein bitteres Lachen entwich ihr. »Wovor? Vor sowas wie dir?« Ihre Blicke waren wie Pfeile, die sich in meine Haut bohrten.
»Nein«, erwiderte ich tonlos. »Wenn ich recht habe, vor etwas viel Schlimmerem.« Ich atmete tief ein. »Aber dafür musst du mir erzählen, was damals in deinem Traum passiert ist.«
Maras Finger vergruben sich in Arions Fell, als wollte sie sich an ihm festhalten. Ich sah, wie ihr eine Träne die Wange hinabglitt. Ihre Schultern sanken, als hätte sie das letzte bisschen Kraft verloren.
»Ich bin durch«, gab Arion mir zu verstehen. »Aber sei vorsichtig. Da ist so viel Schmerz in ihr.«
Ich zog den Stuhl aus der Ecke vorsichtig etwas näher an sie heran. Sodass sie mich gut sehen konnte, aber ich trotzdem weit genug von ihr entfernt war, dass sie mich nicht als Gefahr wahrnahm. Dann wartete ich.
Maras Traum(a)
»Ich war noch klein«, flüsterte sie dann mit gesenktem Kopf. Ihre Stimme stockte, doch sie sprach weiter: »Ich träumte von einem Monster. Es sah … gruselig aus. Verzerrt. Dunkel. Seine Augen waren schwarz. Tot. So, wie Monster in Albträumen eben aussehen.« Sie schüttelte sich. »Es jagte mich durch einen Wald. Stockdunkel war es. Ich rannte, schrie, weinte. Dann … bin ich gestolpert. Über eine Baumwurzel. Ich hörte es lachen. Das Lachen …« Ihre Hände pressten sich gegen die Bettdecke. »Es war schaurig. Und dann … stand da plötzlich ein Mann.« Ihr Blick schnellte zu mir, duchbohrte mich wie ein Messer. »Er sah aus wie du. Diese goldenen Sprenkel im Gesicht, die spitzen Ohren, diese blauen Augen. Er sah freundlich aus, als er mich anschaute.« Sie legte den Kopf schief, als wollte sie in meinem Gesicht eine Antwort finden.
So langsam konnte ich mir einen Reim auf ihre Geschichte machen. Aber ich sagte nichts und ließ ihr die Zeit, die sie brauchte, um sich wieder zu fangen und weiter in ihrer Erinnerung zu graben. Auch Arion hörte still und angespannt zu.
»Der Mann kämpfte mit dem Monster«, fuhr sie fort. »Ich dachte … er wollte mir helfen. Aber dann … hatte das Ding plötzlich etwas in der Hand.
Es sah aus wie ein großer Splitter aus Glas oder Kristall … oder so etwas. Damit hat es ihn verletzt.« Ihre Finger krallten sich in Arions Fell. »Er ging zu Boden. Und seine Augen … wurden auch schwarz. Leer.« Sie schluckte, kämpfte mit den Erinnerungen. »Dann kamen andere. Männer, die so aussahen wie er. Wie du. Mit leuchtend blauen Augen. Sie hatten runde Scheiben in den Händen, die sie auf das Monster warfen. Aus den Scheiben kamen silberne Fäden … die es fesselten. Sie haben das Monster weggebracht. Aber der verletzte Mann … war weg. Und dann …« Ihre Stimme brach. »… bin ich aufgewacht.« Maras Stimme wurde immer leiser und zuletzt war sie nur noch ein fast unhörbares Flüstern.
Ich fing Arions Blick auf. »Ich glaube, ich weiß, was passiert ist«, ließ ich ihn in Gedanken wissen.
»Ja, El. Ich denke dasselbe.« Ein kurzer, ernster Blick. »Aber das war noch nicht alles.«
»Das fürchte ich auch.«
Ich ging in die Küchenzeile, goss ihr einen neuen Tee ein. Als ich zurückkam, saß Mara immer noch eingehüllt in die Decke auf dem Bett. Arion lag lang ausgestreckt neben ihr. Sie schien es nicht zu bemerken. Oder es machte ihr nichts mehr aus.
Arion stupste Mara sanft an. Ein tiefer, zittriger Seufzer entwich ihren Lippen, bevor sie sich ein wenig aufrichtete und weitersprach. „Am nächsten Morgen…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Am nächsten Morgen war alles weg. Die Erinnerung an den Traum hatte sich einfach verflüchtigt. Und irgendwann danach… da dachte ich überhaupt nicht mehr daran.“ Sie hielt inne. Ihr Blick wurde leer, als würde er irgendwo in der Tiefe verschwinden.
»Jetzt kommen wir zum Kern der Geschichte«, dachte ich in Arions Richtung. Sofort spürte ich seine Anspannung wie ein scharfes Ziehen in meinem Geist.
»Doch dann, nur ein paar Nächte später«, setzte Mara wieder an, »fing der Albtraum erneut an. Aber diesmal… war er anders.« Ihre Lippen bebten, als sie die nächsten Worte formte. »Diesmal kam der andere. Der, der aussah wie du.« Sie deutete mit zitternden Fingern auf mich. »Nur… er hatte immer noch diese schwarze Augen. Leer, wie ein Abgrund. Er… er flüsterte meinen Namen.« Ihre Stimme senkte sich zu einem heiseren Wispern. »Und dann sagte er… er würde einen Sternensplitter aus mir machen.«
Mein Kopf fuhr zu Arion herum – und seiner reagierte genauso schnell. »Sternensplitter?« Meine Gedanken rasten. »Das sind doch Märchen! Geschichten, die man uns während unserer Ausbildung erzählte.«
Arions Antwort kam hart und unruhig. »Bist du dir sicher, dass es Märchen sind? Ich … wäre mir da nicht so sicher. Nicht mehr!« Ein Schauer kroch meine Wirbelsäule hinab. Mein Bauch zog sich zusammen, schwer wie ein Knoten. Die Ahnung, dass wir gerade etwas viel Größerem gegenüberstanden, ließ mir die Haut prickeln.
Mara bemerkte nichts von unserem stillen Austausch. Ihre Stimme war nun fern, fast so, als würde sie mehr zu sich selbst sprechen als zu uns. »Er sprach… seltsame Worte. Worte, die ich nicht verstand. Und plötzlich… konnte ich mich nicht mehr bewegen.« Ihre Hände krallten sich in den Stoff ihrer Hose. »Ich konnte nicht einmal mehr schreien. So sehr ich es auch versuchte – kein Ton kam aus meiner Kehle.« Ihr Blick flackerte, wurde glasig. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Dann… waren da plötzlich meine Eltern. Sie standen einfach da. Sie sahen mich an… und ich… ich sah ihre Angst.«
Ich hielt den Atem an.
Tränen liefen über ihre Wangen, heiß und schwer, und tropften auf ihre Knie. Doch Mara sprach weiter. »Sie hatten genauso Angst wie ich. Sie… sie konnten mir nicht helfen.« Mara schluckte heftig. Dann flüsterte weiter: »Der Mann… er kam näher.« Ihre Stimme brach, als sie weitersprach. »Er griff… er griff mit einer Hand in seine Wunde, die das Monster ihm zugefügt hatte. Und dann…« Ihr Atem stockte. »Dann zog er… einen Splitter heraus. Schwarz. Tropfend vor Blut.«
Mir wurde schlecht. Neben mir erstarrte Arion. Ich fühlte die Schärfe seiner Gedanken wie einen Dolch in meinem Kopf. »Das ist nicht möglich!«
»Er ging zu meiner Mutter…« Mara brachte den Satz kaum über die Lippen. Ein gequältes Stöhnen entrang sich ihrer Kehle, ihre Schultern sackten zusammen. Arion sandte ihr eine Welle aus Wärme, hüllte sie in dieses unsichtbare Band seiner Berührung.
Es reichte gerade, damit sie weitersprechen konnte.
»Er… schnitt ihr… die Kehle auf.« Ihre Hände schossen vors Gesicht. Ein Laut voller Verzweiflung brach aus ihr heraus, doch sie rang weiter um Worte, als müsse sie das Grauen hinausschleudern. »Dann… dann ging er zu meinem Vater.« Ihre Stimme war kaum mehr zu hören, aber jedes Wort brannte sich schmerzhaft in mein Bewusstsein. Ich presste die Lippen zusammen. Mein Magen rebellierte.
»Etwas in mir… brach. Wie eine Wand aus Glas. Ich spürte es. Und… er auch. Er… er sah mich an. Erwartungsvoll. Und dann… dann lachte er.« Ihre Finger zitterten, Tränen tropften durch die Ritzen. »Ganz langsam… stieß er den Splitter in die Brust meines Vaters. Er hörte nicht auf, mich anzusehen. Keine Sekunde.« Sie schluchzte heiser. »Ich spürte, wie ich innerlich zerriss. Dann… kamen sie. Die anderen Männer. Mit den Scheiben. Und… den silbernen Fäden.« Ihre Stimme versiegte. Ein leises Schluchzen blieb zurück. »Ich… ich fiel zu Boden. Und dann… war alles schwarz.«

Elwyn: Ein junger Traumhüter, der gerade seine Ausbildung beendet hat und schon kleinere Aufträge erfolgreich erledigt hat.
Arion: Seelentier von Elwyn. Sieht aus wie ein sehr großer Husky mit türkisen Augen und silbirg schimmerndem Fell. Kann Gefühle manipulieren.
Mara: Kellnerin in einer Kleinstadt. Waise. Hat seit dem Albtraum in ihrer Kindheit, in dem ihre Eltern getötet wurden, nicht mehr geträumt. Beginnt als Erwachsene wieder zu träumen und lockt etwas Düsteres an.
Kaelen: Ein Traumhüter, der in Maras Traum von einem Alb verletzt wurde und selbst als Alb wieder in Maras zweiten Traum auftauchte. Hat in diesem Traum ihre Eltern getötet.
Traumhüter: Menschenähnliche Wesen mit spitzen Ohren, goldenschimmernden Sprossen im Gesicht, kurzes, dichtes Fell in Form eines Dreiecks von der Nasenwurzel bis zum Haaransatz und leuchtende türkisfarbene Augen. Haben magische Fähigkeiten. Leben in Thalorien, der Heimat der Träume. Sie sind sehr naturverbunden, Haben Seelentiere mit magischen Fähigkeiten an ihrer Seite.
Seelentiere: Magische Begleiter der Traumhüter. Haben ebenfalls türkisfarbene Augen. Können sprechen, kommunizieren mit ihren Hütern aber auch auf geistiger Ebene.
Alb: Ein wahr gewordener Albtraum, der aus dem Traum des Träumers ausbricht und außerhalb des Traums Chaos und Unheil stiftet. Meistens handelt es sich um eher harmlose Poltergeister oder Schattengeister die Menschen erschrecken aber ihnen nicht gefährlich werden können. In seltenen Fällen kommt es vor, dass ein wirklich gefährlicher Alb seinen Träumer im Traum verletzt oder gar tötet. So ein Alb kann außerhalb des Traums von Menschen Besitz ergreifen und ist nur schwer zu identifizieren und zu fangen.
Thalorien: Magische Welt der Traumhüter. Es gibt verschiedene Portale, die zur Erde führen. Innerhalb der Portale sind die Traumhüter in einer Zwischenwelt und können verborgen vor den Augen der Menschen diese beobachten.
Traumwald: Hier leben die Traumhüter. Innerhalb des Walds gibt es Dörfer, Siedlungen und Eremitenhöhlen.
Traumquell. Ein türkisfarbener See inmitten einer Waldlichtung.
Kristallcaverne: Verteilt über Thalorien gibt es verschiedene Cavernen mit den unterschiedlichsten, meist magischen Kristallen für unterschiedliche Anwendungen.
Kommt später
Kommt später
