Talent ist ein Mythos und was wirklich wichtig ist

Hände einer Künstlerin beim Arbeiten mit der Airbrush im Atelier – ein stiller Moment kreativen Prozesses. Vielleicht fragt sie sich, wie wichtig Talent ist und ob es nicht doch ein Mythos ist.

Talent ist ein Mythos – warum Kreativität nichts mit Begabung zu tun hat

„Du hast ja auch Talent.“

Dieser Satz fällt oft beiläufig. Meistens ist er freundlich und als Kompliment gemeint. Und trotzdem macht er mich ungehalten.
Nicht laut, nicht sofort – eher leise, innen.

So wie er ausgesprochen wird, klingt er nach etwas Angeborenem.
Nach etwas, das einfach da ist.
Als wäre mir das, was ich kann, mühelos zugeflogen.

Doch genau hier beginnt der Talent-Mythos.

Was man nicht sieht, wenn von Talent gesprochen wird

Was man nicht sieht, sind die vielen Stunden des Übens.
Die Zeit, in der ich gelesen, gelernt, ausprobiert, verworfen und neu begonnen habe.
Die Angst. Die Unsicherheiten. Die Phasen, in denen ich an mir gezweifelt, Bilder und Skizzen in die Tonne geworfen und trotzdem weitergemacht habe.


Was man ebenfalls nicht sieht, sind die Investitionen.
Zeit vor allem – aber auch Geld.
Für Bücher, Kurse, Fachzeitschriften, falsche Technik, falsches Material.
Für Versuch, Irrtum und Neuanfang.

Wenn all das mit dem Wort „Talent“ zusammengefasst wird, fühlt sich das für mich nicht wie ein Kompliment an.
Es macht meine Arbeit, meine Investitionen an Zeit, Geld und Mühe unsichtbar. Die vielen Male, wo ich nicht mehr weiterwusste, fast aufgegeben hätte – und trotzdem weitergemacht habe.
Und genau das macht mich traurig. Denn so fühlt sich das, was als Kompliment gedacht ist, eher geringschätzend an.

„Ich habe kein Talent“ – ein hartnäckiger Glaubenssatz

Vielleicht reagiere ich deshalb auch so empfindlich auf einen zweiten Satz, den ich immer wieder höre:

Diesen Satz kenne ich gut.
Ich habe selbst lange an ihn geglaubt.

Ich war nicht das Kind, das schon immer gemalt hat. Nicht das Kind, dem man früh gesagt hat: Das liegt dir.

Im Gegenteil. Auch mir wurde vermittelt, dass man nur kreativ sein kann, wenn man Talent hat.
Zwischen den Zeilen stand für mich: Ich habe dieses Talent nicht.

Also habe ich es gelassen. Viele Jahre lang.

Kreativität ohne Talent – der Moment, in dem ich trotzdem anfing

Erst viel später habe ich mir erlaubt, trotzdem anzufangen.
Nicht, weil ich plötzlich glaubte, talentiert zu sein – sondern weil ich den Drang verspürte und es wollte.

Weil da Neugier war. Und der Wunsch, wenigstens herauszufinden, was möglich ist.

Ab diesem Moment ging es nicht mehr um Talent.
Es ging um Handwerk.
Um Wissen.
Um Technik.
Um Übung.
Um Zeit.
Und um das Wichtigste überhaupt — Spaß am kreativen Gestalten zu haben. Sich wieder wie ein kleines Kind zu fühlen und zu staunen, was da passiert und auf dem Papier entsteht. Mit Neugier Neues ausprobieren und entdecken.

Ich habe mir angelesen, was ich brauchte. Ich habe gelernt, ausprobiert, Fehler gemacht und daraus Neues entwickelt. Schritt für Schritt. Nicht spektakulär. Nicht schnell. Aber kontinuierlich.

Hier zeigt sich, was oft übersehen wird:

Warum Talent überschätzt wird

Heute halte ich den Satz „Ich habe kein Talent“ für einen der hartnäckigsten und überflüssigsten Glaubenssätze im kreativen Bereich.

Er sagt nichts darüber aus, was möglich ist. Er sagt nur, dass jemand gelernt hat, sich früh zu begrenzen.

Meiner Erfahrung nach entscheidet nicht Talent darüber, ob jemand kreativ sein darf.
Entscheidend ist, was jemand bereit ist, zu investieren – vor allem Zeit.
Und ob da etwas ist, das trägt, wenn es mühsam wird.

Leidenschaft ist für mich kein Startpunkt.
Sie ist der Motor, der mir hilft dranzubleiben.

Kreativität ist lernbar – und kein exklusiver Raum

Wenn ich heute auf kreative Wege schaue – meine eigenen und die anderer –, sehe ich keine Talente.
Ich sehe Menschen.


– Menschen, die angefangen haben.
– Menschen, die drangeblieben sind.
– Menschen, die bereit waren, Zeit zu investieren, Umwege zu gehen und sich immer wieder neu auszurichten.


Kreativität ist kein exklusiver Raum für Begabte.
Sie ist ein Feld, das sich denen öffnet, die bereit sind, hineinzugehen.
Wer sagt: „Dafür braucht man Talent“, schiebt Verantwortung nach außen.
Wer sagt: „Ich habe kein Talent“, nimmt sich selbst die Möglichkeit, überhaupt herauszufinden, was möglich wäre.

Vielleicht geht es also gar nicht um Talent

Vielleicht geht es nicht um Begabung.
Sondern um Erlaubnis.
Um Zeit und die kreative Zeiteinteilung. Sich Zeit nehmen.
Und um die Entscheidung, etwas nicht perfekt, sondern ehrlich zu beginnen und manchmal auch dieselben Dinge immer wieder zu wiederholen. Das nennt man: üben. 😉

Was ist denn das nun mit dem „Talent“?

Es gibt Menschen, denen fallen gewisse Dinge einfacher. Zum Beispiel das Erkennen der Luftperspektive. Damit ist das Phänomen gemeint, dass in der Landschaft alles, was weiter weg ist, heller, verschwommener und bläulicher erscheint. Oder sie können ohne größere Anstrengung dreidimensionale Objekte auf die zweidimensionale Fläche des Malgrundes übertragen.
Das sind zweifelsohne Talente, die das Zeichnen- und Malenlernen vereinfachen. Was aber die Technik betrifft und die Farbenlehre, müssen sie das genauso lernen. Und nur, weil man das „richtige Sehen“ anscheinend in den Genen hat, heißt das noch lange nicht, dass man auch in der Lage ist, daraus etwas Originelles und Kreatives zu entwickeln.

Wenn du noch eine weitere Meinung zu dem Thema lesen möchtest, empfehle ich dir den Artikel von Franziska Schwarzkopf auf enjoy-aqaurell.de.

Häufige Fragen zu Talent und Kreativität

Talent existiert, aber es erklärt selten, warum Menschen langfristig gut werden. Übung, Wiederholungen, Zeit und Erfahrung spielen eine deutlich größere Rolle.

Kreativität ist erlernbar. Techniken, Wissen und regelmäßige Praxis sind entscheidender als Begabung. Kreativität ist wie ein Muskel, der sich trainieren lässt. Je öfter der Muskel benutzt wird (durch Wiederholung und Übung), desto zuverlässiger und kraftvoller wird er.

Ja. Viele kreative Fähigkeiten entstehen erst durchs Tun – nicht durch Talent.

Weil dieser Gedanke früh vermittelt wird und sich kaum jemand erlaubt, ihn zu hinterfragen.

Langfristig fast immer Übung. Talent ohne Dranbleiben verliert an Bedeutung

Indem man klein beginnt, neugierig bleibt und sich erlaubt, unfertig zu sein.

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2 Kommentare

  1. Liebe Heike,
    das ist ja lustig: Ich fing an, deinen Artikel über Talent zu lesen und dachte schnell, den möchte ich in meinem Artikel über Talent verlinken, denn du beleuchtest einige sehr interessante Aspekte zu dem Thema viel genauer. Als ich unten ankam, sah ich, dass du meinen Artikel verlinkt hast! Das hat mich so gefreut 😊🧡. Ich finde, sie ergänzen sich prima und ehrlich gesagt, nehme ich aus deinem Artikel noch mal extra Bestätigung und Erlaubnis mit, obwohl ich mich selber schon mit diesem Thema befasst habe.

    Danke und liebe Grüße von Franziska

    1. Liebe Franziska,

      das hat mich gerade sehr lächeln lassen.

      Wie schön, dass wir offenbar — mal wieder — mit ähnlichen Gedanken unterwegs waren – und uns dann genau dort begegnen. Ich finde es besonders wertvoll, wenn Texte nicht nebeneinander stehen, sondern sich wirklich ergänzen.

      Dass du aus meinem Artikel noch einmal Bestätigung und Erlaubnis mitnimmst, freut mich sehr. Vielleicht ist genau das das Schönste an solchen Themen: Man denkt, man hat sich schon damit beschäftigt – und entdeckt doch noch einmal eine neue Nuance.

      Danke dir für deine Worte und für deinen Artikel, der meinen so gut ergänzt.

      Kreative Grüße
      Heike 🙋‍♀️